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Teilhabe darf kein Luxus sein

29. Oktober 2025
Quelle: unsplash.com @wonderlaneSymbolbild

(Triggerwarnung: Suizidversuch)


Bundeskanzler Merz sagte dieses Jahr im Juni 2025 beim Kommunalkongress des Deutschen Städte- und Gemeindebundes: »Dass wir allerdings jährliche Steigerungsraten von bis zu zehn Prozent über Jahre hin bei der Jugendhilfe, bei der Eingliederungshilfe sehen, das ist so nicht mehr länger akzeptabel.« Voller Entsetzen verfolgte ich seine Rede und bin bis jetzt sprachlos. In diesem Artikel möchte ich mal beispielhaft ein Leben von einem Betroffenen skizzieren, der auf Leistungen der Eingliederungshilfe angewiesen ist. Vielleicht fällt euch beim Lesen schon etwas auf – vielleicht erkennt ihr euch oder eure Angehörigen in Teilen wieder, denn ich muss ganz klar betonen:
Es kann uns alle Treffen!


Wie ihr mit Sicherheit schon mitbekommen habt, steht unser Gesundheitssystem vor einem Kollaps. Monatelang auf dringend notwendige Termine warten ist keine Seltenheit. Hier möchte ich betonen, dass dies nicht an den »kleinen Paschas« liegt (um unseren Bundeskanzler zu zitieren), sondern viel mehr daran, dass unser System kaputtgespart wurde und bis heute wird.
Vor allem in der Versorgung von Menschen mit psychischer Erkrankung klaffen immer mehr Lücken. Für mein kleines, anschauliches Beispiel nennen wir unseren Protagonisten doch einfach … Friedrich! Friedrich ist Mitte 20 und wartet seit mittlerweile 18 Monaten auf einen Therapieplatz, seit er aufgrund eines Suizidversuches in eine geschlossenen Psychiatrie eingewiesen worden war. Er hat mit seinen jungen Jahren schon eine Menge mitgemacht – psychische oder physische Gewalt, Lebensbrüche oder anderes und ist dadurch psychisch erkrankt. Doch nach Entlassung – von Nachsorge keine Spur. Er wird einfach mit seinen verordneten Medikamenten nach Hause geschickt und allein gelassen. Und welche Überraschungen – er kommt nicht mehr zurecht. Seine Wohnung verwahrlost, er isoliert sich sozial und wird nach einer gewissen Zeit immer auffälliger in seinem Verhalten. Aber, es fühlt sich niemand für ihn zuständig. Erst, als er in einen tätlichen Angriff mit seinem Nachbarn verwickelt ist, werden Behörden auf ihn aufmerksam. Die Mühlen der Bürokratie fangen an, langsam zu mahlen. Friedrich bekommt eine gesetzliche Betreuung an die Seite gestellt. Diese ist in den unterschiedlichsten Bundesländern auf der Suche nach einem Platz in einer Wohneinrichtung, die für Friedrich in Frage käme. Denn seine Wohnung gleicht mittlerweile einer Ruine. Friedrich isoliert sich beinahe vollständig und verlässt das Haus und seine Wohnung fast gar nicht mehr. Sozialkontakte gleich Null! Auch seine Medikamente hat Friedrich abgesetzt – alles zu viel. Das verschlimmert seine psychische Erkrankung noch um einiges. Ein Therapieplatz ist bis jetzt nicht in Sicht. Dann endlich die befreiende Nachricht: Eine Einrichtung ist gefunden. Die gesetezliche Betreuung sorgt dafür, dass Friedrich endlich einen Platz in einer geeigneten Wohneinrichtung bekommt. Zufrieden ist Friedrich damit aber nicht wirklich. Er hat maximal 150 Euro im Monat zur Verfügung für sich selbst. Da gehen noch die Kontoführungsgebühren ab, die Haftpflicht, eventuelle Schuldenabzahlungen … Na klar hat er ein Dach über dem Kopf und es sind pädagogische Mitarbeitende vor Ort, die ihm helfen, den Alltag zu strukturieren; doch in einer Gemeinschaftsverpflegung bleiben einige Bedürfnisse von Einzelnen auf der Strecke. Vor allem bei einem Verpflegungstagessatz à circa fünf Euro pro Person täglich (für alle drei Mahlzeiten und Getränke). Dies würde in einer Wohngruppe mit 10 Bewohnerinnen einen Tagesbudget von 50 Euro ergeben. Diese 10 Bewohnerinnen sollen nach Möglichkeit alle satt werden und alle das Essen lecker finden. Im besten Fall essen sie dann auch noch etwas Gesundes.

Quelle: unsplash.com @wonderlaneSymbolbild Thearapie
Therapieplätze sind oft Mangelware

Friedrich merkt schnell: in dieser Wohngruppe geht es ihm zwar besser, weil er soziale Kontakte und wieder Spaß daran hat, mit Menschen zu agieren. Er nimmt seine Tabletten regelmäßig, erhält individuelle Unterstützung im Alltag, aber … irgendetwas fehlt. Neben dem Essen, das Er sich wünscht. Er schlägt es den Mitarbeitenden in der Einrichtung vor: »Wollen wir nicht mal ins Kino gehen?« – »Dafür ist kein Geld da.«. ist die ernüchternde Rückmeldung. Alle anderen seiner Vorschläge münden auch immer in die selbe Antwort. Da Friedrich immer unzufriedener wird, kriegt er nach circa sechs Monaten in der Einrichtung einen »Lagerkoller«. Er prügelt sich mit einem seiner Mitbewohnerinnen. Die Wohneinrichtung kündigt ihm aufgrund dieses Vorfalls zum Ende des Monats. Die gesetzliche Betreuung streckt erneut ihre Fühler aus für einen passenden Wohnplatz für Friedrich. Und die Mühlen der Bürokratie mahlen weiterhin langsam. Viel zu langsam. Es gibt ewig lange Wartelisten für die Wohnplätze. Schauen wir mal, wohin es Friedrich dieses Mal verschläg und hoffen wir, dass seine gesetzliche Betreuung einen Platz findet – ansonsten wird Friedrich in die Obdachlosigkeit entlassen. Teilhabe darf kein Luxus sein – für niemanden Ich wünsche Friedrich aus unserer Geschichte natürlich nur das Beste. Doch reichen gute Wünsche und Solidaritätsbekundungen nicht aus! Ich selbst bin seit einigen Jahren in genau so einer Wohneinrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen tätig. Sicher ist mein Beispiel nur eine erdachte Geschichte, die aber genau so immer wieder abläuft. Sie zeugt von meinem Erlebten und den Erfahrungen, die ich in meinem Beruf sammeln konnte. Und jetzt mal ernsthaft, Herr Merz, Wo wollen sie kürzen? Bei den Menschen, die sowieso schon zum Teil fremdbestimmt leben müssen? In Bezug auf den Wohnort, das Essen, die Finanzen …? Ich finde es außerdem schon fast zynisch, dass immer noch nicht an einer besseren psychiatrischen Versorgung gearbeitet wird. Aber im selben Atemzug diese bedürftigen Menschen auch noch dafür bestraft werden, dass sie in dieser Situation sind. In meinem Umfeld hat jeder zweite mit psychischen Problemen zu kämpfen. Die Zahlen steigen alarmierend an.


Wer keine psychiatrische Versorgung gewährleistet, muss früher oder später damit rechnen, dass Menschen aufgrund ihrer Erkrankung auf Unterstützung angewiesen sind.
Also, Herr Merz, vielleicht liegen die steigenden Kosten in Höhe von bis zu zehn Prozent auch einfach nur daran, dass mal wieder versucht wird, am falschen Ende zu sparen? (AO)